Wie Tech den Arzt nach Hause bringt - für alle Menschen

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Volle Wartezimmer, stundenlang. Wer kennt das nicht? Eigentlich ist gar keine Zeit für diese Warterei, aber es drückt nun mal irgendwo. Für 74 Prozent der Deutschen wäre ein Videotelefonie-Gespräch mit einem Arzt eine mögliche Alternative zum Arztbesuch und eine Erleichterung, denn er spart Zeit und Nerven. Möglich macht dies eine Gesetzesänderung, die seit April 2017 in Kraft ist. Besonders in ländlichen Regionen würde diese Alternative sehr vielen Menschen helfen – die Wege sind weit und die Kosten des Arztbesuches somit ungleich höher. Weitere rechtliche Anpassungen für die Erstkonsultation sollen folgen.

Wenn wir wir nach Amerika blicken, wo das Gesundheitssystem nur knapp an tiefgreifenden Veränderungen vorbeischrammte, ist es an der Zeit zu fragen, welche Entwicklungen wir in Deutschland in unserem Gesundheitssystem sehen und welche davon wir ablehnen, welche wir fördern und begrüßen. Eine Neubewertung unserer Gesundheitsversorgung zeigt schnell:  Krankenhäuser und Hausärzte arbeiten oft an ihrer Kapazitäts- und Belastungsgrenze und es ist schwieriger für die Menschen, die Behandlung zu bekommen, die sie brauchen. Die Tage des Hausarztes, der einen Hausbesuch machen würde, sind längst vorbei. Oder nicht?

Besonders in den USA gibt es Premium-Angebote, auch im medizinischen Bereich. Hausbesuch des Facharztes, Behandlung sobald man sie wünscht, freundliche Beratung zu jeder Zeit. Wer mehr zahlt, erhält mehr Service – und zwar bis hin zum Krankenhausaufenthalt, der eher einem Luxusurlaub mit Nebenwirkungen gleicht. Aber welche Möglichkeiten gibt es für Patienten, die es sich nicht leisten können, Zehntausende von Dollar für diese Dienste zu bezahlen? Und wird Deutschland eine ähnliche Premium-Versorgung erleben wie die USA? Auch hier existieren bereits Angebote für zahlungskräftige Patienten, die jeden Arztbesuch sehr viel angenehmer werden lassen. Aber wie kann sich ein Normalverdiener so etwas leisten?

Eine neue Generation von „Health Tech“ Startups ist angetreten, um Antworten zu geben, indem sie Technologie verwenden, um einige der gleichen persönlichen Services ohne die exorbitanten Preise anzubieten.

Die Vorteile und Sorgen um die High-End-Behandlung

Die Premium-Patientenversorgung in den USA boomt in zwei Bereichen: Privat-Ärzte und High-End-medizinische Einrichtungen.

Solche Privat-Ärzte sind nur für ein paar ausgewählte Personen oder Familien zuständig. Diese privaten, On-Demand-Ärzte haben eigene Räumlichkeiten, oder sie kommen zum Patienten nach Hause oder an den Arbeitsplatz. Sie stellen sicher, dass Familien die richtigen medizinischen Ressourcen haben, wo auch immer sie sind. Und sie werden ihre Verbindungen mit anderen Ärzten und Einrichtungen nutzen, um Behandlungen zu verbessern. "Ich weiß nicht, ob ich dich an erster Stelle der Warteschlange bringen kann", sagte ein Arzt der New York Times, "aber ich kann das Warten angenehmer machen."

Und die besten Krankenhäuser in den USA? Lennox Hill ist das Krankenhaus, wo Beyoncé ihre Tochter Blue Ivy zur Welt brachte; Das Krankenhaus hat einen Louis Vuitton Designer angeheuert, um eine gehobenes Erlebnis zu schaffen und das Essen kommt direkt aus einer Sterne-Küche. Das ist ein wenig anders als das Krankenhaus-Essen, welches die meisten von uns kennen: Kantinenessen unter dem Niveau der Uni-Mensa an die wir uns dunkel erinnern, mit wenig Liebe zubereitet und serviert von mürrischen Angestellten.

Die Befürworter dieses Systems argumentieren für die Vorteile, die es für Ärzte und Patienten gibt. Ärzte vermeiden Burnout durch die Begrenzung der Anzahl der Patienten, die sie sehen. Aber sie sind auch in der Lage, diesen Patienten mehr Aufmerksamkeit zu geben. Anstatt ein Dutzend Patienten vor der Mittagszeit zu sehen, können Ärzte Zeit mit Patienten verbringen und die richtige Behandlung in Ruhe auswählen. Anstatt Menschen im Krankenhaus durchzuschleusen, können Ärzte Forschung treiben und mit Spezialisten reden, um ihren Patienten ein fundiertes Maß an Sorgfalt zu bieten, das sonst logistisch nicht möglich ist.

Aber es gibt deutliche moralische Fragen, die in diesem System entstehen. Ja, auch andere Branchen haben abgestufte Dienstleistungen, wo die Leute mehr bezahlen, um mehr zu bekommen, Beispiel Bahnfahrt oder Flugreise. Aber sollte das Gesundheitswesen wirklich so funktionieren? Wir hören oft, dass diese Praktiken sich in Deutschland so nie etablieren könnten – und doch wissen wir von genügend Fällen, in denen persönliche oder bezahlte Kontakte Vorteile schaffen.

Schlussendlich steht die Gesundheit der Menschen - vielleicht sogar ihr Leben - auf dem Spiel. Ist es fair für Leute, die sich keinen Erste-Klasse-Service von ihrem Arzt leisten können? Ein Vater, der von der New York Times interviewt wird, ist sich dessen bewusst: "Ich fühle mich schlecht, dass ich die Mittel habe, um das System zu umgehen... Aber wenn du Kinder hast, und es denen schlecht geht – dann umgehst du das System. Wenn du das Geld hast, würdest du es nicht dafür ausgeben? "

In einer idealen Welt gäbe es keinen Weg, sich einen medizinischen Premium-Service zu erkaufen. Aber was wäre die Alternative? Wir hätten ein Gesundheitssystem, das noch mehr als ohnehin mit hohen Kosten, ineffizienten Prozessen und schlechtem Service lahmen würde. Das Argument, dass Wettbewerb die Qualität der Leistungen überhaupt erst sichert, gilt eindeutig auch im Gesundheitsbereich und es wäre noch viel mehr Qualitätssicherung wünschenswert – und zwar in erster Linie im Sinne des Patienten. Aber wie verhalten wir uns dazu als Versicherer? Sind wir einfach gegen Luxus-Leistungen für einige wenige - oder arbeiten wir dafür, dieses Concierge-Modell für alle zugänglich zu machen?

Der Doktor zu Hause für Alle

Wie in vielen anderen Fällen hat der Tech-Sektor eine Möglichkeit solch ein bestehendes Geschäftsmodell zu disruptieren und so zu demokratisieren. In diesem Fall ist es durch app-basierte Ärzte-Dienstleistungen. Dies ist keine Telemedizin, wo man mit einem zufälligen Arzt gepaart wird, der nicht viel besser ist, als einfach selber nach der Diagnose im Internet zu schauen. Sondern es sind Ärzte, die den Patienten und dessen Gesundheitsgeschichte kennen. Diese Ärzte sind nicht persönlich verfügbar - aber sie sind jederzeit per Text- und Video-Chat erreichbar und bieten die gleiche Art von persönlichem Service wie traditionelle Privat-Ärzte, nur eben digital.

SteadyMD ist ein Unternehmen, das diese Leistung in den USA anbietet und "kontinuierliche, vertraute und engagierte Grundversorgung online" verspricht. Alle Kernbereiche der Medizin sind abgedeckt. Aber es gibt sogar Ärzte mit Schwerpunkt in Fitness und Sportmedizin oder alternativen Heilmethoden. SteadyMD bietet darüber hinaus virtuelle Termine mit dem Arzt, wann immer Sie diesen brauchen. HealthLoop ist ein Unternehmen, das versucht, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu vereinfachen und zu vertiefen, und OneMedical hat eine App, die du benutzen kannst, um mit Ärzten zu sprechen, um danach ihre physische Praxis aufzusuchen.

Und da eben auch in Deutschland die Bereitschaft der Menschen steigt, diese Angebote in Anspruch zu nehmen, gibt es erste Bemühungen solche Services anzubieten. Ein Startup heißt LifeTime, welches eine Alternative zur elektronischen Gesundheitskarte bietet: Eine App in der die digitale Krankenakte des Patienten sicher gespeichert ist - genauso geschützt wie ein deutsches Bankkonto, und auf Wunsch des Patienten per Klick dem Arzt verfügbar. Dies verbessert bereits das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient erheblich. Teleclinic ermöglicht genau das Concierge-Arzt Erlebnis wie SteadyMD in den USA, und das von 6-23 Uhr, 365 Tage im Jahr. 

Diese Dienste kosten den Patienten, oder dessen Versicherung einen Bruchteil einer privatärztlichen Behandlung – aber gerade für Erstgespräche, auf die Kassenpatienten in Deutschland wochenlang warten müssen können sie sehr wertvoll sein. Es ist nicht 100% vergleichbar mit persönlichem Kontakt, aber lange nicht jeder Fall braucht dies. Virtuelle Ärzte sind in der Lage eine erste Einschätzung abzugeben und verweisen dann auf einen lokalen Spezialisten für die Behandlung, wenn die Notwendigkeit besteht.

Außerdem können solche digitalen Lösungen Patienten gute Ärzte in der Nähe empfehlen, über transparente Ratings anderer Patienten leicht verständlich. Dies kann mitunter lebensrettend sein, da viele Menschen ein Problem eher ignorieren weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Für Kassenpatienten stehen diese Lösungen bisher fast nur auf eigene Kosten zur Verfügung, aber für viele von ihnen kann es sich lohnen diese neuen Health Tech Lösungen in Verbindungen mit Zusatzversicherungen zu bekommen. Insbesondere in ländlichen Regionen sind Menschen auf Ärzte in der Nähe angewiesen – Tech kann eine Lösung sein. Die Kombination bietet Kunden mehr persönlichen Service und bietet vergleichbare Leistungen wie die Privat-Ärzte zu einem Bruchteil der Kosten.

Die Zukunft des Gesundheitssystems – und auch der Krankenversicherung – kann niemand wirklich für Jahrzehnte voraussagen. Aber die Bereitstellung extrem teurer, exklusiver Dienstleistungen wird immer nur einer kleinen privilegierte Gruppe von Menschen helfen. Die Idee hinter den neuen Health Tech Apps ist es, allen Menschen die Zeit und Aufmerksamkeit von medizinischen Fachleuten zuzugestehen, die sie benötigen, um die beste Pflege möglich zu bekommen. Und in der langen Frist werden diese Leistungen bessere Patientenerlebnisse erlauben und gleichzeitig das Problem überfüllter Wartezimmer erleichtern – zum Wohle aller.

Im Englischen Original von Colin Lalley, Deutscher Edit von getkarlsson.com